José Ovejero

Erzähl mir noch einmal von Havanna

 

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Leseprobe

Vielleicht war NeftalÍ Larraga in Wirklichkeit kein mutiger Mensch. Dass er sich in einigen Momenten seines Lebens heldenfaft verhielt, könnte sogar auf eine gewisse Charakterschwäche zurückzuführen sein. In der Tat beschrieb ihn sein Bruder Miguel viele Jahre später, als Neftalí ein mit Kindern, Erinnerungen, Sehnsüchten und Sorgen beladener Greis war, als einen kleinmütigen Menschen, wodurch in seinen Augen hinreichend erklärt war, warum Neftalí nach der Revolution Kuba nicht verlassen hatte, um jenes Eldorado zu suchen, das ein Großteil seiner Familie in der verarbeitenden Industrie von Miami gefunden hatte.

Vielleicht wäre Neftalís Geschichte mit der Zeit verlorengegangen, hätte nicht Ramón, einer seiner Enkel, damit begonnen, die Fährte dieses Menschen aufzunehmen, über den zu Hause nie gesprochen wurde. Anfangs war es reine Neugier, die ihn dazu trieb, nach seinem Großvater zu forschen, ein Tabuthema in der Familie, von dem er lediglich wußte, daß er ein kubanischer Revolutionär gewesen war, der auch im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte. Ramón war stolz auf den revolutionären Großvater, denn er war nicht gefeit gegen jene weitverbreitete Selbstgefälligkeit, mit der Familien die Orden und Lorbeeren ihrer Vorfahren für sich vereinnahmen, ohne einen Finger daführ gerührt zu haben...

 

(Übersetzung von Lisa Grüneisen)

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